Mittwoch, 29. Dezember 2010

Hamburg: Nur Klein-Berlin?



(via)

Morgen werde ich nach Hamburg fahren und über's Wochenende bleiben. Das ist an sich keine große Angelegenheit, wären da nicht die vielen Fragen in Bezug auf diese Stadt zu klären.
Der gemeine Hamburger ist nämlich - das haben Feldstudien in meinem Freundeskreis ergeben - von den Vorzügen seiner Stadt überzeugt und trifft in seiner Beharrlichkeit darin bei dem Berliner häufig auf ein irritiertes Staunen, der es nicht gewohnt ist, dass ein Nicht-Berliner seinem vermeintlichen Heimvorteil widerstehen kann. Dass Berlin toll und schön und super und blabla ist, ist nicht zuletzt als hohle Floskel wohl bekannt, sondern wird nicht nur von Eingeborenen wie mir geschätzt.

Nun verhält es sich also so, dass der gewöhnliche Hamburger mit viel Selbstbewusstsein eine Vielzahl Argumente vorbringt, warum denn seine Heimatstadt Berlin in nichts nachstehe. Die Legitimität dieser Aussagen zu überprüfen ist daher mein erklärtes Ziel, welche nicht weniger als die vier folgenden Behauptungen umfassen:
  • "Hamburg hat die schöneren Frauen." Dieser Punkt geht an euch, Hamburger. Sorry Mädels, dem muss ich leider beipflichten. Zumindest die Hamburgerinnen, die sich in meinem Umfeld aufhalten, tragen dazu bei, diese Etappe zu gewinnen.
  • "Hamburg hat die besseren Parties." Berlin sieht sich in seiner Paradedisziplin herausgefordert! Zugegeben, die Party, auf der ich in Hamburg Silvester feiern werde, verspricht sehr gut zu werden. Doch ob sie mit Berliner Maßstäben mithalten können wird... Wir werden sehen.
  • "Hamburg hat die besseren Kneipenviertel." Berliner wissen, dass es darauf nicht ankommt - Punkt für die Hauptstadt.
  • "Hamburg kann mit Kultur punkten." Ich werde mir ein paar Ausstellungen anschauen, ob der Kulturstandort Hamburg jedoch an die Berliner Vielfalt herankommt - ich will es bezweifeln.
Wir werden ja sehen, ob die Hamburger zu viel versprochen haben oder ob sie mit Recht erhobenen Hauptes gegen die Berliner Hochnäsigkeit antreten können.

Samstag, 18. Dezember 2010

Despicable me mit Soundtrack von Pharrell Williams

Eigentlich bin ich nicht der riesen Fan von animierten Filmen, aber dieser hat mich gestern wirklich fast zum heulen gebracht. Eine so einfache Story, aber mehr als grossartig animiert und das allerbeste - ein Soundtrack von Pharrell, der staendig zum dancen animiert.

Freitag, 17. Dezember 2010

Goose bei Tape TV Sudio Opening

Schon am Mittwoch waren wir alle eingeladen zum TapeTV Studio Opening in Berlin Weissensee. Zuerst hatte ich gar keinen Bock und liess mich aber nach einem langen Tag zwischen Galerie und Meetings doch breitschlagen mitzukommen. Sollte sich auch lohnen, als ich direkt vor Ort erfuhr, dass Goose das neue Studio eroeffnen sollten. Ich glaube es ist schon drei Jahre her, als ich diese Band im Kassa erleben duerfte. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, ob das wirklich im Kassa war...?!
Anyway, jedenfalls gabs massenhaft free Alk und Haehnchen mit Pommes, sodass wir jederzeit wieder mit Tape TV in ihrem neuen Studio (mit unglaublich gutem Sound) feiern. Bilder von dem Abend hat Maggi auf Finding Berlin gepostet.

Dienstag, 14. Dezember 2010

Wir haben euren Respekt nicht verdient


Wir tragen das Ego um den Hals


Wenn ich gefragt werde: "Was machstn du so?", dann gerate ich in der Regel in Verlegenheit. Meist versuche ich dann das möglicherweise (und hoffentlich!) halbherzige Interesse des Gegenüber mit einem einfachen "Bin Student. Und du?" zu befriedigen. Jedoch ist diese Strategie häufig nicht von Erfolg gekrönt und auf weitere Nachfragen antworte ich dann notgedrungenerweise mit "Medizin studier ich".

Dann ist auch schon das Unheil geschehen und Reaktionen wie "Oh, Respekt!" oder "Da könnte man richtig neidisch werden" sind nicht mehr zu vermeiden. Gelegentlich ereifern sich einzelne Gesprächspartner derart, dass sie nachfragen, wie denn dieses ach so schwere Studium zu bewältigen sei, und hervorheben, was für einen tollen Beruf ich da anstreben würde.

Wenn das eintritt - und es tritt mit schöner Regelmäßigkeit ein -, dann ist meine Stimmung im Keller. Das liegt jedoch weniger an den floskelhaften Konservationen, denn an der Tatsache, dass das alles Bullshit ist.

Es gibt keinen Grund dafür, dass Medizinstudenten ein solcher Respekt entgegengebracht wird, wie ich es immerzu erlebe. Medizin zu studieren erfordert keine besonderen kognitiven Leistungen - in der Tat sind erschreckend viele meiner Kommilitonen strunzdumm -, keinen zeitlichen Aufwand, den nicht auch jeder Bachelorstudent kennt, und zu guter Letzt keine charakterlichen Eigenschaften, die den Studenten irgendwie herausstellen könnten.

Die Realität sieht in der Tat folgendermaßen aus: Die meisten, die mit 1,0 oder geringfügig schlechterer Abinote an die Uni kommen, können nur genau eines: auswendig lernen. Das war's dann aber auch schon, doch das ist im Studienalltag in Ordnung, denn das ist eine Kernkompetenz, die dem Medizinstudenten schon früh abverlangt wird. Es besteht kein Bedarf für einen herausgebildeten Intellekt, auch nicht für eine politische, soziale oder ethische Grundbildung und erst recht nicht für einen gesunden Charakter. Dass sich an der Uni ein entsprechend niveauloses Gesocks versammelt, ist freilich nicht weiter verwunderlich.

Diese Tatsache wurde gestern für mich wieder einmal besonders deutlich: Zur alljährlichen Mediziner-Weihnachtsparty spielte wie immer die hausinterne Studentenband und gab die immer gleichen Lieder zum Besten. Das sind in der Regel bekannte Songs mit neuem, medizinisch orientiertem Text. So auch die eigene Version von Mando Diaos "Dance with somebody". Man kann von dem Lied halten was man will, doch die neue Variante des Refrains "Ich bin ein Arzt, Motherfucker! Arzt, Motherfucker! Arzt! Arzt! Arzt!" sowie der beispielhafte Textschnipsel "Ich baue mir ein großes Haus" gefiel den Anwesenden sichtlich gut. Grölende Ersties und dämlich herumhopsende Studenten höherer Semester hatten ihr Vergnügen und nahmen in Gegensatz zu mir auch keinen Anstoß.

Dass diese großkotzige Bagage wieder einmal meinen Hass auf sich zog, dürfte nicht überraschen. Davon abgesehen, dass Medizinerparties entgegen ihres mir unverständlich überzogen glorifizierten Rufs zu den schlechtesten dieser Stadt gehören, gab es zu diesem Zeitpunkt nur wenige Kommilitonen, die sich mir in meiner Verachtung anschlossen. Der Rest feierte sich ja selbst.

Doch es gibt sie, die wenigen Medizinstudenten, die korrekt drauf sind. Sie sind rar gesät, aber vorhanden. Ganz normale Menschen, die weder was Besseres sind, noch sich etwas auf sich einbilden. Der ganze Rest jedoch ist eine menschliche Enttäuschung und hat alles andere als den Respekt der Gesellschaft verdient. Also hört auf mit dem Scheiß.

(Es ist vielleicht an der Zeit, mich vorzustellen. Hallo, ich bin der Matze. Ich blogge hier unter "Zu Gast" und das nur, weil ich ein so großer Fan von der Unschuld bin.)

Montag, 13. Dezember 2010

Das Paket - oder - Omas sind einfach die Besten!

Nach einer Woche bei Fremden im Haus halte ich endlich das Paket meiner Oma in den Händen. 
Ein Paket, eingepackt in tausend bunten Weihnachtsservietten, die ich im Notfall wieder zu Toilettenpapier umfunktionieren werde.
 Was kommt zum Vorschein? Margarinebüchsen und Lebkuchen. Nicht so der Burner auf den ersten Blick...Aber daaaaaaaaaaaannnn!!!!
Selbstgebackene Plätzchen, Omastyle inklusive Vanillekipferl. Dominosteine und Meeresfrüchte dürfen dank des eben erwähnten Omastyles natürlich auch nicht fehlen.
Und....!
Man beachte die Thüringer Knackwurst - gut abgehangen und bissfest. Meine ganze Bude inklusive der angelieferten Plätzchen riechen nach dieser Wurstdelikatesse. :D
(davon abgesehen, dass ich wirklich seit 'nem halben Jahr kein Fleisch mehr esse und Oma das irgendwie immer wieder gekonnt ignoriert)

OMAS SIND EINFACH DIE BESTEN!

20 Jahre Texte zur Kunst - Berlin - Wo stehst du Kollege?

Man sagt, es wird jetzt wieder mehr und härter kritisiert und das muss wohl auch so sein. Das beschissene "Anything goes" geht uns allen ja schon lange auf den Senkel und wartet jetzt nur darauf  feinsäuberlich von der in den Startlöchern stehenden intellektuellen Super-Generation zerhackt zu werden. Danke, dass den diversen ADHS-Kunsthistorikern, zu denen ich mich auch zähle, zumindest in der aufkommenden Kunstkritik so langsam Einhalt geboten wird. Ja, ich finde auch erstmal alles gut, lasse mich viel zu oft von schönen Effekten flashen und hinterfrage, wenn überhaupt, erst im dritten Schritt. Vielleicht ist es das, was Ranciere die "Freiheit der Ästhetik" nennt, wenn ja, zelebriere ich sie  feierlich bei jedem Museums oder Galeriebesuch. Naja, man macht sich's eben leicht, leichter, zu leicht...
Auf der Veranstaltung von 20 Jahre Texte zur Kunst am Samstag jedenfalls, war genau dieser Wandel spürbar - am überaus jungen und interessierten Publikum, am ausverkauften Hau1 und am rhethorisch eindrücklichsten von dem Italiener Franco Berardi vorgetragen. Die Kunst braucht wieder mehr Diskurs! Mehr Kritik! Mehr laute Italiener! Jetzt! Nicht Morgen. Ich erinnere mich an die Videos der Podiumsdiskussionen mit Joseph Beuys in den 60ern, als man noch rauchen dürfte und musste(!) und entschließe mich für heute schlafen zu legen, in der Hoffnung bald wieder solchen Diskussionen zu lauschen.

Heute war Heute und Heute war Sonntag mit euch.

Lied gehört auf dem Renate Weihnachtsmarkt (der eigentlich gar kein richtiger war) und wiedermal für außergewöhnlich gut befunden. Danach Performance von dem oben genannten Künstler. Beides mit euch, wie immer. Die Sonntage gehören uns.

Picture of Now

Song von Arvo Pärt - gehört in den Pausen beim Sophie Hunger Konzert.
Photo entstanden auf unserem ersten Musikvideodreh. Dazu morgen mehr.
Posttitel geklaut bei DT64. :)

Wie man sich bettet, so schläft man


Freunde und Besucher loben mein Schlafzimmer für die dunkelgrünen Wände und die ruhigen Bilder daran, den hellen, flauschigen Teppich, das weiche Rentierfell über dem Schaukelstuhl und das warme Licht - kurzum: für seine Gemütlichkeit. Im Mittelpunkt steht aber mein schönes Bett.

Zuerst die harten Fakten:
Länge: 221 cm
Breite: 146 cm
Hauptteile: Stahl, Pulverlack auf Epoxibasis
Stirnseite: Zellulose- und Baumwollfasern
Unter einer milchig-weißen Lackierung verbirgt mein Bett seine stählerne Natur, nur die innen liegenden Schweißnähte verraten seine metallene Herkunft. Das geflochtene Kopfteil ergänzt es in seinem warmen Braunton um den wohligen Eindruck von einladender Gemütlichkeit. Seine Schaummatratze macht dieses Versprechen wahr. Schneeweiße Bettwäsche, davon zwei Paar -: je ein quadratisches Federkissen und eine passende Decke -, lässt von warmen Frühlingssonntagen träumen, die man mit einem Frühstück im Bett beginnt und einem guten Buch im selbigen beendet.

Das ist mein Bett, ich mag es sehr. Es könnte kein besseres geben. Ich besitze es erst seit wenigen Monaten. Zuvor schlief ich in einem einfachen Einzelbett, das seinen Zweck erfüllte, aber auch nicht mehr. Es war nicht schön anzusehen, doch immerhin, es trug. Ein Doppelbett sollte es sein, schließlich braucht der Mensch auch im Schlaf seinen Platz, seine Freiheit.

Eine der beiden Bettwäschegarnituren (es ist die rechte, die zur Wand gekehrte) liegt fast unbenutzt an Ort und Stelle. Sie wird kaum gebraucht, dennoch liegt sie stets aus. Ich schlafe auf der linken Seite, dort, wo der Wecker steht, wo meine Bettlektüre liegt. Hier steige ich abends ins Bett und stehe morgens wieder auf. Das andere, das zweite Deckbett bleibt unberührt und wartet auf den nächsten Tag.

Nun habe ich dieses beste aller Betten und die versprochene Freiheit und kann damit nichts anfangen. Ich brauche noch immer nicht mehr als diesen gewohnt geringen Platz und habe doch nichts weiter gewonnen als die Erkenntnis, dass diese neue Freiheit im Grunde genommen gar keine ist.

Sonntag, 12. Dezember 2010

Samstag, 11. Dezember 2010

What’s the difference that makes the difference? Sophie Hunger im Lido Berlin

von ebbe
Eine mögliche Antwort lautet: Sophie Hunger. Der Bezugsgegenstand ist der Popsong und das Live-Konzert. Verse: What’s the difference that makes the difference? Chorus: Zunächst, Sophie Hunger hat in ihren letzten Alben großartige Songs und brillante Texte geschrieben. Unsere „Generation“ – die Anführungszeichen signalisieren meine Skepsis an all die sich angesprochen fühlenden Mitstreiter, – sie hat, sofern sie sich darum bemüht hat, in den letzten Jahren und Jahrzehnten herausfinden können was Unterschiede sind. Ja, man könnte soweit gehen zu sagen, dass uns eigentlich seit 20 Jahren plus 30 retrospektiv aufgeholten, nichts eigentlich mehr gelehrt wurde, als Unterschiede. Wir wissen warum es falsch ist nur Lennon/McCartney zu sagen? Wir wissen wann Lennon, wann McCartney? Wir wissen wann Kunst? Der Klang bemächtigt sich unser, er nimmt uns ein, es gibt (eigentlich) und im strengen Sinne der Kunst keine Wahl. Die Evidenz fällt in der Pop-Musik – damit ist der Lullaby von 3 Minuten gemeint – mit der Tür ins Haus. Wall of Sound (ein Lob an die Begleitband). „Musik ist entweder gut oder scheisse“ (Miles Davis). Verse: What’s the difference that makes the difference? – Sophie Hunger. Sie ist die pure Geste, die Authentizität, die Ehrlichkeit, die Demut. Was ist ein guter Song? – Eine 3-minütige, klangliche Struktur die musikalischen Sinn als totale Spannung mit ekstatischen Momenten konturiert. Sophie Hunger singt aber nicht nur die „schönen Stellen“ ihrer ohnehin grandiosen Songs. Wir müssen aufhören uns auf die schönen Stellen zu freuen, die wir bereits kennen. Nur unmusikalische Idioten klatschen nach jedem Jazzsolo. Nur Fans wollen den Song hören wie der Song ist. Musik ist nicht, alles wird erst. Im Konzert ereignet sich die „schöne Stelle“ nur weil sie neu, wild und schön doch erst gemacht wird. Das ist die Geste bei Sophie Hunger. Das ist der lebendige Gegenbeweis zum Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Ein alter Hut, der nicht mal mehr auf dem Klavier liegt. Keine Bärte und Hüte beim Sophie-Hunger-Konzert. Danke. Verse: What’s the difference that makes the difference? – Antwort: Intensität. Sophie Hunger ist die introvertiert-musikalische Ekstase. Voodoo aus dem Schweizer Kanton. Sie brüllt die Stille. Sie haucht den Klang. I have nothing to say and I am saying it. And that is poetry as I need it. Es braucht Jahre um zu wissen – es ist ein leiblich-implizites Wissen – wie man einen Ton, einen Schrei, einen Akkord setzt. Sie hat ihn immer, immer richtig gesetzt. Bridge: Warum dieser Text? – Ave Maria. Verse: What’s the difference that makes the difference? – Frank Zappa hat ohne Wittgenstein zu kennen gesagt, dass über Musik schreiben sei, wie zu Architektur tanzen. Deswegen ist dieser Text auch sinnlos – weil der Augenblick, der Klang, die Musik, das Ereignis, die (einzig) „schöne Stelle“, das Lächelns, der nackte Arm (woman, i can hardly explain...), die Sympathie, das offene Herz, das Lido in Berlin nur in einer Sekunde auf und unter geht. In einem Blitz (mit dem Understatement des grauen Berliner Dezemberhimmels). Musik ist staccato, auch im Adagio. Man hat keine Chance auf Stop und Replay. Keine Musikgeschichte, nur Musik als Hoffnung. Sophie Hunger wird noch viele Konzerte in Berlin spielen. 1983 hat ein Kind und eine Stimme. Im Nachklang liegt die Freude. 

Von Toni.

Montag, 6. Dezember 2010

Wenn die Kondolenz das Unglück übertönt


Da fällt er, fällt und bleibt liegen, regt sich nicht. Ob er sich weh getan habe, fragt da ein anderer. Ein Vater eilt herbei, die Mutter folgt. Und die Millionen schauen zu. Fassungslosigkeit, Bestürzung, Entsetzen. "Oh-mein-Gott"s und "Furchtbar"s sind zu hören.

Zwei Tage später: Die Presse kommt ihrem vornehmsten Auftrag nach, Themen von öffentlichem Interesse abzudecken, versorgt das bangende Publikum mit allen Informationen, die es braucht. Facebook-Soli-Gruppen ziehen mehr als 25.000 Mitglieder an, schamanische Beschwörungsformeln werden gemurmelt und YouTube hat endlich wieder ein viral clip. - Die Medien bilden ihre Konsumenten ab, das Thema der Berichterstattung gerät in den Hintergrund. Ich schaue mir all diese Dinge an und ich sehe da nichts von einem Verunglückten, ich sehe dort nur das kollektive Beileid.

Die wenigen Informationen lassen mich vermuten, dass dieser tollkühne Kandidat Glück im Unglück gehabt haben, ohne bleibende Schäden zurückbleiben könnte. Wirbelbrüche, spät einsetzende Lähmungen. Das könnte für einen glimpflichen Verlauf sprechen.

Da fällt ein anderer, auch er bleibt liegen, regt sich nicht. Der Rettungswagen trifft ein, die Mannschaft springt von Bord und beginnt mit der Reanimation. Die Umstehenden schauen zu, gelähmt vor Fassunglosigkeit und Entsetzen. Ein düsteres Publikum, das sich hier versammelt hat. Man wird in den kommenden Tagen keine Berichterstattung lesen, eine kleine Randspalte verweist auf einen "schweren Motorradunfall mit Personenschaden". Keine Facebook-Soli-Gruppe wird eingerichtet, kein YouTube-Video wird bangende Massen versammeln, kein Naturgeist wird angerufen werden. Dieser Motorradfahrer wird einer von rund 4000 Unfalltoten sein, die jährlich in Deutschland zu beklagen sind.

In zwei Wochen werde ich selbst mit dem Rettungswagen durch den Wedding fahren. Ich werde hoffen, dass es nur luftnötige Omas und volltrunkene, weil von der Gattin sitzen gelassene Ehemänner sein werden, die ich in die Klinik bringen werde. Das hofft jeder von uns. Einer Kommilitonin war ein solch ruhiger Einsatz nicht vergönnt, sie musste die Reanimation eines dreijährigen Unfallopfers aufgeben.

Wir haben Schiss davor. Bittere Furcht. Ich habe schon viele alte, krebszerfressene Menschen in ihren Qualen sterben sehen, doch ein junger, eigentlich gesunder Mensch, vielleicht sogar ein Kind, das ist neu, wird immer neu sein. Eine bekannte Medizinerweisheit besagt, dass es nicht die alten und gebrechlichen Leute sind, die sterben; nein, diese sterben nicht, sie siechen nur vor sich hin und ihre Lage wird sich weder verbessern noch verschlechtern, komme was wolle. Es sind die jungen Menschen, die sterben, die, für die man kämpft, mit denen man bangt. Um dann am Ende doch verloren zu haben.

(Hallo, ich bin hier der Neue. Facebook sagt, ich sei ebbes Bruder. Mehr als das. Jetzt schreibe ich hier mit.)

(Foto via)

Halb so traurig.

Foto von Kai

Wenn verlorene Dinge ihren Weg zurückfinden, 
die Sonne im stürmischsten Schnee scheint.
Wenn Töne plötzlich Tränen auslösen und die Plätzchentüte durch alle Hände geht.
Ein neues Ritual geboren wird, welches man lange schon vermisst hat, 
man Schneeblumen über Skype anstatt an seinen Fenster sieht, 
der Facebookchat einem das Herz erleichtert und ein Freund es kurz darauf wieder erschwert. 
Wenn Family-Businessideen beim Araber generiert werden und um das lange Leben einer noch nicht vorhandenen Katze spekuliert wird, 
wenn Unbekannte plötzlich Freunde werden, dann bin ich nur noch halb so traurig. 


Freitag, 3. Dezember 2010

Vector Lounge & Alias Solo Show in der West Berlin Gallery

findingberlin.com // Vector-Lounge from DT64 on Vimeo.

Im heutigen ersten Berliner Winterchaos hat es uns trotz eisiger Kälte in die Westberlin Gallery verschlagen, zur Vector Lounge. Da haben sich heute wieder Grafiker und Illustratoren aus Berlin und diesmal Kopenhagen live gebattled. Die Galerie zeigt außerdem ganz nebenbei gerade eine Soloshow von Alias, die mich zugegebenermaßen sehr enttäuschte. Einmal mehr ein Beispiel dafür, dass Streetart  meistens einfach nur auf der Straße und nicht in der Galerie funktioniert. Laut eigener Aussage ist die "erste Runde" sogar schon komplett ausverkauft, was bei so niedrigen Preisen und dem Massenwarencharakter der Bilder nicht wirklich verwundert. Durchgehend substanzlose Pieces. Da brech' ich mir doch lieber illegal 'nen Alias aus der Wand als diese Fakebilder in 'ner Galerie für 500 Euro zu kaufen - denke ich mir und kann diese Galerie-Geschichte hier wirklich nicht ernst nehmen, obwohl mir die Sachen draußen auf der Straße grundsätzlich gefallen. Dort sind sie bis jetzt authentisch gewesen und darum geht es doch eigentlich - Authentizität, oder hab ich da was falsch verstanden...?! Anyway, die Veranstaltung war trotz massenhafter Kamera-actions an sich ganz nett, vorallem die Drinks und die Musik, die gespielt wurde. Durchaus zu empfehlen aufn Donnerstag.
Das Video ist von der letzten Vector Lounge von Maggi für Finding Berlin gedreht worden und transportiert die Stimmung ganz gut.